SAGE COMME UNE IMAGE
Galleria Palladio, Lugano

... und rätselhaft noch dazu, lautet das Leitmotiv zu dieser Gruppenausstellung in der ältesten Institution für zeitgenössische Kunst in Lugano. Mit der nicht bescheidenen Anzahl präsentierter Kunstschaffender und einer Vielzahl unterschiedlicher Medien auf beschränktem Raum wird eine Dichte der Erzählungen und ein Ineinandergreifen der Systeme auslegbarer Zeichen herbeigeführt. Sie übermitteln Leben und Erleben in unserem unmittelbaren Umfeld und sind bestrebt, zu den sinnlich reizvollen Oberflächen weitere tiefgründige Einblicke zu gewähren.

Schweizer Äpfel sind Äpfel, die in der Schweiz geerntet werden –Äpfel, die aus dieser helvetischen Welt stammen, so Peter von Matt vor gut drei Jahren in einem Artikel des Tages-Anzeigers. In diesem Sinne wurden im Rahmen von SAGE COMME UNE IMAGE Künstlerinnen und Künstler ausgewählt, welche mit einem Werk zur vorliegenden Vorstellung des vermeintlich schönen Anblicks im helvetischen Umfeld beigetragen. Ihr Wesen und Wirken ist geprägt von ihrem Stammbaum und ihrem Beziehungsraum.

Das Interieur wird eingangs sogleich mit phantastischem Blütenzauber, bestehend aus vielfach vernetzen Strukturen und Beziehungsgeflechten, tapeziert: Das in Uster lebende Künstlerpaar Steiner & Lenzlinger (*1967/*1964) entführt uns mit verspieltem Charme und ironischem Clin d’Oeil in einen vegetativen Organismus geheimer Provenienz, genannt „Sevilla 2“, 2005, wobei die Tapete zugleich auf das unmittelbare Heim, den Kosmos möglicher Natur in und um sich selbst thematisiert.

Eine Entführung ganz anderer Art bietet uns das kleine Objekt des Genfers Fabrice Gygi (*1965) an, das auf den ersten Blick von Verankerung im Strudel des Lebensstroms und alsdann von möglicher Verletzung erzählt: „Grappin“, 2006, - „mettre le grappin sur quelqu’un“ bedeutet jemanden mit allen erdenklichen Mitteln in Beschlag zu nehmen, und dieses Manöver im komplexen Beziehungsgeflecht des Alltags ist von gefährlichem Potential geprägt. Gygis elementare Ästhetik des Überlebens, des Widerstands und der Agression lebt auf einfachste und überzeugende Weise von ihrer Wechselwirkung zwischen Schutz und Zerstörung.

Ulrich Meister (*1947), ein Künstler, der an der rheinischen Grenzstadt Schaffhausen geboren ist und seit seiner Ausbildungszeit in Düsseldorf lebt, ist Teil der deutschen Kulturlandschaft und wird als Schweizer oft vergessen. Dennoch wird sein präzises und minimales Werk auf der intensiven Suche nach der gültigen Form gerne ins Schweizer Umfeld geholt und unverhofft mit helvetischen Tugenden in Verbindung gebracht. Dabei ist es nicht die Vielfalt, die ihn interessiert, sondern das, was er sieht nach langer An- und Einsicht: die Nahsicht und der präzise Ausschnitt einer sich öffnenden Türe ohne Einblick in den einen oder anderen Raum: „Ohne Titel“, 2004, sucht diese Ansicht zu einem Neuen – Nie-Gesehenen des Bestehenden zu verwandeln – als „Medium zur Existenzerhellung“ (Tina Grütter).

Als weiterer, unmittelbarer Fokus erweist sich ein grossformatiges Bergbild von Josef Felix Müller (*1955) „La vallée du silence“, 2003, gesäumt von einem charmanten, in Holz geschnitzten und farbig gefassten „Fliegenpilz“, 2006 . Die Ölmalerei, welche der St. Galler Künstler seit der Jahrtausendwende wieder vermehrt pflegt, widmet sich, unter völligem Verzicht auf die einstige expressive Unmittelbarkeit und Figuration, dem detailgetreu übermittelten Landschaftsbild (Alpen, Gletscher, Wälder und Quellen), welches er während mehrwöchigen Arbeitsprozessen in der Stille erschafft. Minutiöses Übertragen vom fotografischen Vorbild und mehrschichtiges Übermalen erschaffen im Abbild eine neue, verführerische Parallelwelt – eine vielschichtig sich erneuernde Natur.

Emmanuelle Antilles (*1972) Fotocollagen „ Teenagers and Kingdoms", 2005, eine Edition bestehend 5 unterschiedlichen Gegenüberstellungen, stammen aus den bildnerischen Material eines Filmes, den die Westschweizer Künstlerin von Jugendlichen, Landschaften und Bauten regieren lässt. Das jeweilige Königreich, das Emmanuelle Antille ihrer bevorzugten Altersgruppe zukommen lässt, ist die Umgebung von Autobahnen - „Boys near highway“ - oder jene von verlassenen Bungalowkomplexen, wie „Kids in abandoned motel“. In liebevollem und zugleich einsamem Zwiegespräch vermitteln die Abfolgen von authentischen Portraits und dazugehöriger Umgebung zeitgemässe Seelenlandschaften besonderer Eindringlichkeit. In ihnen spiegeln sich jugendliche Emotionen und der Weg zur Identitätsfindung.

Die Fotografien von Laurence Bonvin (*1967) präsentieren menschenleere Nachtaufnahmen aus den urbanen Peripherien der Schweiz. Dieser beinahe in inflationärer Weise immer wieder behandelte Themenbereich in der modernen und zeitgenössischen Fotografie erhält bei der in Berlin ansässigen Westschweizer Künstlerin eine weitere Ausstrahlungskraft und Bedeutungsdimension. Messerscharfe Ansichten, Lichtbahnen und dunkler Raum von eigenartiger, magischer Schönheit zeigen ihre Bilder „ as a one-eye little owl“, 2003, und „Flughafen, Zürich“, 2004: Es sind die Zwischenräume, die verlassenen Übergangszonen, welchen der Eulenblick von Laurence Bonvin gilt, diese Überbleibsel trostloser Modernität einer einzigen globalisierten Welt, die gezeichnet ist von Verlassenheit und Melancholie.

Die Videoarbeiten „Vanitas II“, 2007, von Judith Albert (*1969) und „Handlauf Kürbis“, 2004/5 , von Christoph Rütimann (*1955) sind, wie oft bei den beiden Innerschweizer Künstlern, als stille Performances für die Kamera wie zugleich autonome Videoarbeiten zu verstehen. Währenddessen sich Judith Albert zweier Handvoll, teilweise grüner, roter oder aber bräunlich verfärbter Äpfel annimmt, um Stück für Stück deren Inneres dem Blick zu eröffnen, verführt Christoph Rütimanns abenteuerliche Kamerafahrt einem roten Rohr entlang durch ein Kürbisfeld. Die rasende Fahrt fegt saftige Blätter weg, prallt auf Kürbisse und saust weiter in eine Welt, die von Fülle und Lebenskraft, aber auch vom Absterben und nahendem Ende geprägt ist.

Loredana Sperini (*1970), eine Seconda aus Süditalien, die in der Ostschweiz geboren wurde und heute in Zürich sesshaft ist, präsentiert mit ihrer Stickerei auf gestärktes, weisses Baumwolltuch, „Claudia & Nadja“, 2007, eine enge Verbindung zweier Mädchen, die sich zu einer Form zusammengewoben haben: in sich versunken die Eine, misstrauisch nach aussen blickend die Andere. Die Stickerei – ein Medium, das ansonsten für fleissige Frauenarbeit bekannt ist, wird bei Loredana Sperini Werk zu einem zeitgemässen Medium besonderer Ausdruckskraft. Atmosphärische Spannungen der Portraitierten mit ihrem Gegenüber dringen gleichsam in die Fadenverbindungen und entladen sich, in diesem geduldigen und langwierigen Prozess des Stickens, als Energien, als psychologische Darstellung innerer Prozesse.

Spiegelerlebnisse besonderer Art bereiten uns Claudia & Julia Müller (*1964 /*1965) und Fabrizio Giannini (*1964). „Objects in the mirror are closer than they appear“, 2006, der Schwestern Müller besteht aus einem kleinen Spiegelobjekt, welches charmanterweise seine Widerspiegelung verzerrt. Der kleine Spiegel ist handgross, doch nicht taschentauglich. Der dazugehörige rote Kunstlederbeutel zur Aufbewahrung ist in Spiegelschrift bedruckt: „Objects in the mirror...“– eine Inschrift, welche üblicherweise auf den Rückspiegeln amerikanischer Autos als Warnung angebracht wird. Unheimlich wirkt der Satz, der an und für sich für Sicherheit zu sorgen hätte, und seltsam anachronistisch die Verbindung von Beutel und Spiegel, als möchten beide Objekte sogleich auf weitere Bezüge verweisen.
Das am Boden sich befindende Spiegelobjekt „Identities“, 2008, des ortsansässigen Tessinerkünstlers Fabrizio Giannini präsentiert sich in der topographischen Form der Schweiz. Ihr inneres Wesen besteht aus einzelnen, gebrochenen, mit gefährlich scharfen Kanten versehenen Spiegelsplittern. Diese gemahnen nicht nur an die Illusion eines einheitlichen Wiedererkennens, sondern ebenso an die Gefahr einer Verletzung und Zerstörung von Identität.

Weitere bildnerische Variationen zur Identitätsfindung bieten uns die Werke von Ian Anüll (*1948) und Francesco Vella (*1954): Währenddessen das kleine, auf ein einfaches Stück Holz angebrachte Abbild der Schweizer Flagge, genannt „Contorni del disabitato“, 2002, von Vella in seiner elementaren Zeichenhaftigkeit durch die povere Materialwahl und rudimentäre, fragil anmutende und zugleich auch nachlässig ausgeführte Darstellungsart als Kontrast zum bestehenden, stolz sich präsentierenden Schweizer Symbol in sattem Rot und blankem Weiss zu verstehen ist und mit dieser kontrastierenden Darstellung des „Unbewohnten“ selbstredend die erlebte Identität zur Diskussion stellt, beschäftigt sich Anüll mit den Tugenden unseres helvetischen Daseins. Sein objekthaftes quadro riportato "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold", 2004, vermittelt auf seiner silbernen Vorderseite EDEN, währenddessen die seitliche Verbindung mit dem R Bände zu sprechen beginnt. Die blattvergoldete Oberseite des an und für sich einfachen, aus MDF-Holz bestehenden Trägers beginnt, ohne gesehen zu werden, aus sich heraus auf seine unmittelbare Umgebung geheimnisvoll zu leuchten. Die Unterschiede und Kontraste, welche in diesem kleinen, preziös anmutenden Objekt vereint sind, evozieren mannigfaltige Gedanken in der Historie unseres Daseins.

Kontrapunktisch erscheint das Objekt „Milchstrasse“, 2005, von Isabelle Krieg (*1971). Das reizende Busengebilde darf sachte berührt, die Fülle der Form bestaunt werden. Milchstrasse erinnert an die vollkommene Vereinigung von Geborgenheit und Nahrung. Ihre Vervielfältigung in einem Objekt vermag indes an Ungeheuerliches, Monstruöses zu gemahnen, was sich ebenso in dieser grossen Gebenden finden kann.

Andrea Gabutti (*1961) präsentiert in der Ausstellung eine stolze Repräsentation des „Général Guisan“, 2007, auf grünliches Papier. Sein Portrait, welches jedem Schweizer sogleich bekannt ist, hat der Tessiner Künstler mit nur wenigen haptischen Strichen festgehalten. Der papierne Untergrund, welcher etwas zerknittert und fragil anmutet, verleiht der gängigen, stolzen Repräsentation des mächtigen Westschweizer Befehlshabers während des 2. Weltkrieges eine bis anhin wenig bekannte Seite. Vor allem bei der älteren Generation unseres Landes gilt Guisan als Erhalter von Neutralität und Frieden, aber auch als Zeichen der Standhaftigkeit und Wehrkraft der Schweizer Armee – ein Mythos, der in den letzten Jahren ins Wanken geriet.

Die Amerikanerin Amy O’Neill (*1971) hat vor kurzem, nach längerem Aufenthalt im Genfer Kulturleben, die Schweiz wieder verlassen. Ihre Zeichnungen, so „Chalet Derborance“, 2005, (und Skulpturen) zeigen einen beunruhigenden Blick in die pittoresken, zuweilen auch grotesken Traditionen des helvetischen Volkes – ein Blick, wofür man eine neugierige Distanz benötigt, um den Fächer mit alten und neuen Erzählungen zu bereichern. Eine davon mag in diesem Fall gewiss das Wissen um die gewaltigen Steinstürze in Derborance im 18. Jahrhundert sein, wo die teuflische Natur ein riesiges Terrain zerstört und dabei neues Leben erschafft hat.

Der Multimediakünstler aus Freiburg und Bern, Peter Aerschmann (*1969) beglückt den Raum zur nationalen Einheit mit seinem kurzen Werk „TAUBEN Bundesplatz“, 2005. Vor unendlich schöner Wolkenkulisse breitet sich der Bundespalast in voller Pracht aus. Auf dem Bundesplatz trippeln unendlich viele Tauben, alle im Gleichschritt, von gleicher Gestalt und gleichem Sinn. Sie bewegen sich und kommen nicht vorwärts. Sie treten an Ort und wiederholen mechanisch die immer selben Gesten...

Guido Nussbaum (*1948) erhellt unser Weltverständnis und Dasein mit einer Vielzahl kleiner und grösserer Tondi, genannt etwa „Tondo fédéral avec fenêtre, CH-West“, 2007, „Südostschweizer Weltbild“, 2004-06, „Weltkugeltondo blau/feldgrün, 2007 und „Weltkugeltondo grün/rot, 2007. Der in Basel und im nahe liegenden Elsass lebende Künstler umkreist seit einigen Jahren den Themenkreis des Globus und beschäftigt er sich dabei als überzeugter Marxist u.a. oder v.a. mit der Schweiz, ihrer Stellung in der Welt, ihrer Stellung in Europa. Mit konzeptuellem Witz im Hinterkopf verschiebt er eigenmächtig Staaten, Kontinente, Erde und Wasser. Zuweilen lässt er nur die Schweizer Kantone, locker verteilt, auf der Erdkugel erscheinen, um mit Beharrlichkeit und Konsequenz die helvetischen und europäischen Köpfe zum Denken anzuregen.

Die kleine Maquette des Tessiners Marcel Dupertuis (*1941) ist für seine Eisenskulptur „Hommage à Schönberg“, 1975, geschaffen worden. Sie zeigt, gezeichnet von reduziertem Vokabular, ein System der Vermittlung: Schalen, die Wasser zu empfangen haben und weitergeben, Wasser, das zu fliessen hat, um weiter gereicht zu werden, als universelles Prinzip im menschlichen Dasein.

Alexia Turlins (*1973) rotfarbenes Objekt „ Distributeur avec betaxia vulgaris“, 2006, erfreut die Besucher nicht nur wegen seiner altbekannten Farbigkeit in neuem Gewand, sondern ebenso mit der Möglichkeit, mit nur wenig Geld sich sein Glück zu erhaschen. In einer Plexikugel findet sich jeweils ein einzigartiges Betaxia vulgaris, ein polymorphes Wesen, das selbstleuchtend und individuell von farbigen Flecken gezeichnet ist, welche, je nach Entwicklungsstadium und Reife, variieren. Zwei photosensible Rezeptoren scheinen wie Augen zu funktionieren, ihre Gestalt vermag sich an vielerlei Oberflächen zu adaptieren. Dort leben sie ihr fröhliches Dasein und suchen den Kontakt mit anderen Individuen: „make a wish!“
EMJ

L’arte contemporanea svizzera oltre l’enigma

 La collettiva

Le immagini visive possono essere scultura, ricamo, oggetti, pitture, video, fin dove arriva la capacità sensoriale dello sguardo. L’esposizione alla Galleria Palladio, fino al 30 settembre, dal titolo Sage comme une Image. Arte Svizzera – O ltre l’enigma, in riferimento alla recente mostra organizzata dai Musei a Lugano. Ma in questa occasione l’attenzione viene rivolta alla parte più recente delle proposte creative, le ricerche in corso, dagli esiti tuttora aperti, in una selezione di venti artisti curata. A prima si rischia di restare spiazzati dalla molteplicità e varietà della raccolta, ma dopo un istante, lungo il percorso, emerge il tema conduttore: una rappresentazione del mondo in cui noi viviamo adesso e qui, che in senso ampio è il mondo dell’età tecnologicamente avanzata con i suoi problemi e contraddizioni, e in senso più specifico è proprio quello della comunità politica, la Svizzera una e molteplice. Fra gli artisti di tutte le regioni della confederazione, compresi alcuni di origine straniera, quelli in cui il riferimento nazionale è più esplicito e problematico ci sembrano Andrea Gabutti e Fabrizio Giannini. Una volta capito cosa fanno questi due, si capisce lo spirito del tutto. Chi è il generale Guisan? Fu il comandante in capo dell’esercito svizzero negli anni della seconda guerra mondiale, immagine di indipendenza e patriottismo. Gabutti ne ha disegnato il ritratto in grande dimensione, e in stesura sottilissima, tenuissima. Dunque: affermato o negato? Giannini ha rappresentato il territorio della Svizzera, franco al suolo, netto, secondo i confini di una corretta carta geografica; ma questa immagine è realizzata in un assemblaggio di schegge di specchi. Dunque:affermata o negata? Per entrambi, la risposta è chiaramente dialettica, dove con la parola Dialettica intendiamo: affermare qualcosa attraverso la sua negazione, e viceversa. La conclusione è che l’identità socioculturale e spirituale del popolo è dichiarata in forma non dogmatica, attraverso la discussione che si rinnova senza pregiudizi, in modo critico e autocritico, aperto e storicamente in divenire: il Paese non è un’entità statica ma una realtà storica in mutamento. Fra gli altri diciotto artisti segnaliamo, in linea soggettiva, lo scultore Marcel Dupertuis, il pittore Francesco Vella. L’insieme della mostra prosegue a buon livello e ritmo serrato, tra sorprese e invenzioni.

Giuseppe Curonici, L'arte contemporanea svizzera oltre l'enigma, «Corriere del Ticino», 4.9.2008, p. 32.